Montag, 17. August 2015

Chamonix, Hauptstadt des Bergsteigens

Chamonix, Mont Blanc, Mer de Glace, Grand Jorasses, Aiguille Verte, Droites, Courtes... Unzählige klingende Namen, unzählige historische Meilensteine und noch viel mehr Routen jeder Art. Von der "Erfindung des Alpinismus", der Erstbesteigung des Mont Blanc über die Tragödien und Triumphe der Jorasses und des Freneypfeilers bis hin zu modernen Plaisirrouten. Von berühmten leichten Einsteigertouren wie dem Bossesgrat bis hin zur schwierigsten Route der Alpen, der Voie Lafaille. Es gäbe noch unzählige Dinge aufzuzählen, die Chamonix so einzigartig machen, dass jeder Alpinist von der Hauptstadt des Bergsteigens träumt, oder, wie es ein namhafter Outdoorartikelhersteller in einer Werbekampagne nannte, dem "ultimate playground for everything awsome".

Natürlich wusste ich auch schon lange, dass ich unbedingt da hin muss. Als sich dann spontan die Möglichkeit bot, mit Andi und Lukas eineinhalb Wochen zum Mont Blanc Massiv zu fahren war ich Feuer und Flamme, mit meinen Tourenwünschen allerdings hätte ich zwanzig Wochen füllen können...

Die Eindrücke aus dem Paradies möchte ich hier als Fotostory ein bisschen nacherzählen:

Nach der langen Fahrt von Bad Kissingen nach Chamonix packen wir unsere Sachen und fahren mit der berühmten Seilbahn auf die Aiguille du Midi, der "Eintrittskarte" zum Herzen des Mont Blanc Massivs. Oben angekommen wartete schon ein Schneesturm auf uns, der nur ein paar Meter Sicht zuließ. Das macht die Sache natürlich nicht einfacher, mit zwei schweren Rucksäcken pro Person den schmalen und ausgesetzten Midi-Plan-Grat zur Hochebene des Col du Midi abzusteigen. Dort graben wir zum Schutz vor dem Sturm ein möglicht tiefes Loch für das Zelt und liegen dann auch ziemlich schnell erschöpft auf den Isomatten...

Doch jetzt zeigt sich, dass es sich durchaus gelohnt hat, so viel Gewicht in die Rucksäcke zu packen: Wir schlagen uns die Bäuche voll mit Wurst, Käse, Steaks und sogar einem Baguette, dass seinen Platz vorher in der Skihalterung eines Rucksacks fand.

Natürlich haben wir auch eine ansehnliche Zündbatterie aus Hülsengeschossen dabei, die wir immerhin optimal kühlen können. Der erste Nachmittag und Abend ist so recht schnell vorbei...

 Am Morgen darauf hat sich der Sturm verzogen. Kristallklar liegt die kalte Morgenluft über der Schneelandschaft, kein Wölkchen trübt den Himmel ein, genauso wenig ist auch nur ein Hauch von Wind zu spüren. Zum ersten Mal kann ich die großartige Landschaft sehen, die uns umgibt: Wie versteinerte Haifischzähne ragen die Jorasses und der Dent  du Geant in die Dämmerung. Erhaben, wie echt gewordene Bilder aus dem Himalaya trohnen die Tres Monts über den Dingen. Wir haben heute nur eine kleine Eingehtour über den klassischen Arete des Cosmiques vor, deshalb bleiben Andi und Lukas auch noch liegen, während ich mich noch vor Sonnenaufgang aus dem Schlafsack schäle und zur Abbruchkante des Col du Midi hinüber laufe, um Fotos zu machen. Der Blick ins fast 3000 Meter tiefer gelegene Avretal ist atemberaubend.

Als sich die Sonne dem Horizont nähert, bieten auch die Gran Jorasses ein lohnendes Motiv

Wir sind nicht die einzigen Bergsteiger in der Gegend, und bei Sonnenaufgang stapft eine Seilschaft bereits Richtung Taculflanke über die Gletscherebene. Ungeachtet der doch recht erheblichen Neuschneemengen, die zusammen mit Windverfrachtung an diesem Tag zahlreiche Lawinenabgänge erwarten lassen. Wir sind erstmal vorsichtig und machen uns nach einem Frühstück erstmal an den Cosmiquesgrat, der sichere und spaßige Kletterei verspricht.


 An der ersten Abseilstelle

Nach ein paar Mal auf und ab erreichen wir den bekannten Gratturm aus besten goldenen Granit, und natürlich muss auch ich mich an diesem Fotoklassiker austoben. Danach wechselt die Route in die schattige und eisige Nordseite, was nochmals für Abwechslung sorgt und neue Fotomotive bereithält.

Lukas vor den Gletschern des Mont Blanc. Die Szenerie ist so mächtig, dass ich ein vertikales Panorama aus fünf Einzelbildern zusammensetzen muss, um alles auf ein Bild zu bekommen!

Bald schon entkommen wir der kalten Nordwand wieder und genießen die Aussicht von der Gipfelterasse der Aiguille du Midi, bevor wir wieder den Midi-Plan-Grat absteigen. Diesmal, ohne Wolken, zehrt die Ausgesetztheit noch mehr an der Psyche als gestern im Schneesturm...

Am Nachmittag steigen Lukas und ich noch in die Rebuffalt-Route am Midi-Südpfeiler ein, zum auskundschaften. Nach drei Seillängen mit allerbester Kletterei im besten Fels, den ich je berührt habe drehen wir um und seilen zum Wandfuß ab, es ist schon zu spät.

Am nächten Tag haben wir uns notgedrungen auf die Tres Monts Route zum Mont Blanc geeinigt. Ich wäre lieber in die Chere-Eisrinne am Triangle du Tacul eingestiegen, doch ich wurde überstimmt. Wenig überzeugt stiefel ich den beiden also am nächsten Tag um drei Uhr Richtung Taculflanke hinterher. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, den Monarchen bei meinem ersten Mal nicht über eine der vier Normalrouten zu besteigen, da ich wenig Lust hatte mich in eine Karawane schlecht vorbereiteter "Bergsteiger" einzureihen und tausende Höhenmeter im Schnee emporzustapfen.
Und jetzt bestätigt sich mein Vorurteil: Circa Hundert Leute sind bereits jetzt auf der Autobahn unterwegs, viele davon leiden bereits hier, 1400 Meter unter dem Gipfel an Höhenkrankheit und werden von ihren Kameraden und Bergführern regelrecht mitgeschleift.
Immerhin können wir so eine Seilschaft nach der anderen überholen und sind nach dem kurzen Abstieg in den Col du Tacul die zweite Seilschaft - Es ist immer noch schwärzeste Nacht. Doch nun baut sich über uns die Flanke des Mont Maudit auf. Technisch nicht schwierig, dennoch haben in zahlreichen Lawinen hier schon viel zu viele Bergsteiger ihr Leben gelassen. Der Name des Berges bedeutet "Verfluchter Berg".
Ich führe gerade unsere Seilschaft. Unter dem Bergschrund eigen aber schon ein paar schnelle Tests, hier geht es heute nicht weiter. Schneidet man einen Schneeblock mit dem Pickelstiel auch nur vorsichtig an, schon rutscht er ab. Die Seilschaft vor uns enscheidet sich hier genau wie wir zur Umkehr.

Immerhin erreichen wir so noch vor Sonnenaufgang die Gipfelfelsen des Mont Blanc du Tacul, den wir immerhin noch mitnehmen wollen. Wie auf einer Aussichtskanzel stehen wir über dem Herzen des Mont Blanc Massivs, als sich der Horizont langsam rötlich färbt. Ich komme vor lauter Motiven mit dem Fotografieren kaum hinterher.

 Die walliser Viertausender in der Morgendämmerung

Es ist immer noch bitterkalt, doch obwohl ich bei der Bedienung der Kamera schon lange das Gefühl in allen Fingern verloren habe macht mir das jetzt und hier kaum etwas aus. Ich bin viel zu sehr im Fotorausch, ja, ich vergesse sogar regelmäßig zu atmen - was man in 4200 Meter Höhe allerdings machen sollte...

 Andi und Lukas haben weniger Glück, sie frieren und zittern als wir die letzten Meter zum Gipfel klettern. Alle warten wir so gespannt und sehnsüchtig auf die erlösenden Sonnenstrahlen, die nach einer Unendlichkeit die etwas höheren Gipfeln von Mont Blanc und Mont Maudit in fast schon kitschiges Rosa tauchen.

 Wenn man in den Alpen hoch oben auf den Felsen und Gletschern eines 4000ers einen Sonnenaufgang miterlebt, dann ist das kein langsames Schauspiel. Man hat kaum Zeit zu beobachten, wie sich die Sonne über den Horizont schiebt. Die ersten, glutroten Strahlen schießen fast explosionsartig aus dem Nichts; innerhalb von Sekundenbruchteilen verwandelt sich die kalte, unwirkliche Dämmerung in blendendes, aber endlich wärmendes Rampenlicht. Besser kann ein Bergtag nicht beginnen.



 Auf dem Gipfel wird es nun endlich wärmer, und so genießen wir die Aussicht

 Weißhorn, Zinalrothorn, Lenzspitze, Dom und Dent Blanche

 Gand Combin, Rimpfischhorn und Matterhorn


Monte Rosa 

Fiescherhorn, Grünhorn, Bietschhorn und Aletschhorn

Ich bin froh, das Teleobjektiv mitgeschleppt zu haben, und so fotografiere ich in alle Richtungen die vielen berühmten Berggestalten.

Wir sind bereits um zehn Uhr morgens wieder am Zelt und verbringen den Tag damit, der Hitze zu entkommen. Ja, auch auf 3600 Meter höhe, auf einem Gletscher, im Schnee wird es tagsüber sehr warm. Die Sonne reflektiert auf dem goldenen Granit und dem frischen Schnee und heizt das Gletscherbecken auf wie einen Backofen. Und so spielen wir bald mit dem Gedanken, uns eine Glescherspalte zu suchen und uns dort hineinzulegen, denn selbst in Unterhose im Schatten des Zeltes ist es kaum auszuhalten.

 Am Nachmittag fangen wir wieder an, uns auf vier(!) Kochern gleichzeitig einen Gaumenschmauß von Abendessen zu kreiren. Zwiebeln werden in Bier angedünstet, Nudeln, Gulasch und Rouladen wandern in die Töpfe, sodass wohl allen Bersteigern auf dem Geantgletscher das Wasser im Mund zusammengelaufen sein muss. Okay, war vielleicht auch ein bisschen gemein, immerhin konnten wir ja sehen dass ringsum alle anderen nur still ihr Tütenfutter kauten...

Unser Zeltplatz mit den Tres Monts am letzten Abend 


 Am nächsten Morgen wollten wir eigentlich die Rebuffalt-Route komplett klettern, doch eine Schlechtwetterfront macht uns einen Strich durch die Rechnung. Also packen wir gleich unsere Sachen zusammen und machen uns daran, die schweren Rucksäcke zurück zur Seilbahnstation zu schleppen.

Die Aiguille Verte und die Drus sorgen mit den Sturmwolken für eine Mordor-Stimmung 


Wieder in Chamonix angekommen gehen wir einkaufen und suchen uns einen Campingplatz für die Nacht. Dort grillen wir noch gemütlich, immerhin darf bei uns das Kulinarische ja nicht zu kurz kommen...
Für unsere restliche Zeit planen wir die ersten drei Etappen der Traversee Royale, also die Überschreitung der Domes du Miage und die Besteigung der Aiguille du Bionassay. Der erste Stützpunkt dafür ist das Refuge Conscrits, also rufen wir vormittags an, um Schlafplätze zu reservieren. "Seid ihr etwa noch nicht losgelaufen?!" fragt die erstaunte Hüttenwirtin am Telefon "Normalerweise braucht man sechs bis sieben Stunden zur Hütte!". Wir sitzen leicht verunsichert in Chamonix. Zum Ausgangspunkt der Tour müssen wir noch eine gute dreiviertel Stunde Autofahren, außerdem sind unsere Rucksäcke noch nicht gepackt und unser Zelt steht immer noch auf dem Campingplatz.
  
 Beim Zustieg zur Conscritshütte


 Zwei Stunden später laufen wir am Ausgangspunkt los. Der Wegweiser gibt sieben Stunden an, oha. Immerhin sind durch die Hüttenübernachtungen unsere Rucksäcke klein und leicht, als wir uns auf den Weg machen. Ein Baguette, das wieder in der Skihalterung außen an meinem Rucksack hängt ist bald auch wieder leichter beziehungsweise kürzer. Wir laufen nicht wirklich schnell, aber wir trödeln eben auch nicht, und so melden wir uns etwa dreieinhalb Stunden später bei der verdutzen Hüttenwirtin.

 Auf der Hüttenterrasse genießen wir die Aussicht über das ruhige Tal des Tre la Tete Gletschers. Später zeigen sich ein paar neugierige Steinböcke, die mich mit der Kamera bis auf ein paar Meter heranlassen.

Beim Abendessen bekommen wir große Schüsseln voller Köstlichkeiten auf die Gemeinschaftstische gestellt, sodass rundum bald alle satt sind. Doch ich kann sowieso immer essen wie ein Schwarzes Loch, dazu kommt, dass ich bei der nächsten Hütte aus Kostengründen statt der Halbpension nur eine Übernachtung gebucht habe. Also hole ich mir von den Nachbartischen die Schüsseln und fülle meinen Teller ein ums andere Mal nach. Gegenüber von uns saß eine englische Familie, die das Treiben irritiert beobachtete. Irgendwann fragte die Tochter ihren Vater, offenbar in dem Glauben dass ich des Englischen nicht mächtig wäre "Those are Germans, aren't they?!", woraufhin der Vater nur nickte...

Am Morgen lassen wir uns Zeit. Wir stehen erst auf, als das Gewusel im Matratzenlager vorbei ist, und frühstücken in aller Ruhe. Anschließend spazieren wir gemütlich unter dem Mondlicht Richtung Tre la Tete Gletscher, den wir nach zahlreichen Fotostops ("Nicht bewegen! Ich mach ein Foto! Muss aber 30 Sekunden belichten... ... Mist, nochmal!") erst nach eineinhalb Stunden und endlos weit hinter den ersten Bergsteigern erreichen.


 Am Rand des Eises legen wir gemütlich Steigeisen an und machen das Seil zurecht, als Andi plötzlich fragt: "Hab ich euch eigentlich schon gesagt, dass ich als erster am Gipfel sein will?" Haben wir uns schon gedacht. Und so kommen wir nach etwas mehr als einer Stunde leicht außer Atem am Col du Dome an, knapp unter dem Hauptgipfel. Die nächste Seilschaft liegt gute zehn Minuten zurück...
Mit Puls am Anschlag und einem guten 800hm/h-Schnitt geht's über den Gletscher...

 Am Hauptgipfel trennen sich aber ohnehin unsere Wege. Anders als die anderen Seilschaften, die nach dem Gipfel wieder zur Conscritshütte zurückkehren, traversieren wir über den leichten, aber brüchigen Felsgrat hinüber zum Nordgipfel. Nach Norden brechen die Domes du Miage über ihre hohe Nordwand 900 Meter tief ab, was beim Klettern für spektakuläre Tiefblicke sorgt.

 Hoch über der Nordwand

 Trotz kürzerer kleiner Aufschwünge wird die Kletterei nie wirklich schwer



Am Norgipfel angekommen machen wir erstmal Pause. Alles andere wäre ein regelrechter Sakrileg, immerhin handelt es sich bei diesem Felskopf um einen der schönsten Aussichtspunkte der Alpen. Weitab von Seilbahnen oder Menschenmassen, hoch oben über den Tälern und dem schuttbedeckten Glacier du Miage, der wie aus dem Karakorum gestolen tausend Meter unter uns liegt. Dennoch ragt der Mont Blanc mit seiner wilden, von Hängegletschern gezierten Miageflanke noch weit über tausend Meter über unseren Köpfen. Dieser Gipfel ist ein Ort, an dem man tagelang Zelten könnte ohne sich satt zu sehen. Satt werden wir dafür in anderer Hinsicht, denn während der vierdienten Pause holen wir Brot, Wurst und Bier aus den Rucksäcken.


Leider können wir uns nicht allzu viel Zeit nehmen, die anhaltende Hitze sorgt für eine erhöhte Steinschlaggefahr. Gerade am Verbindungsgrat von Domes du Miage und Aiguille du Bionassay ein ernst zu nehmendes Problem, immerhin lässt sich die Felsqualität am ehesten mit einem trockenen Sandkucken vergleichen...

 Hoch über dem Miagegletscher, bei der Querung zu den Felsen


 Am Nordgrat, im Sandkuchenfels

Viele der Tonnenschweren Felsklötze auf dem Grat hätte man mit dem kleinen Finger in den Abgrund schieben können...

An der "Hütte", eigentlich mehr eine bemannte Biwakschachtel, treffen wir zwei Tschechen, Speedbergsteiger, die am nächsten Tag wie wir auf die Aiguille du Bionassay möchten, dann aber gleich weiter zum Gipfel des Mont Blanc und hinunter nach Chamonix. Wir hören beeindruckt ihren Geschichten über Speedbergsteigen und Sponsoring zu. Beim Abendessen begnüge ich mich mit einer Tafel Schokolade und einem Stück Ringsalami. Das wars dann mit dem kulinrischen Anspruch. Immerhin habe ich mir so das Geld für die Halbpension gespart...  

 Als die Tschechen zweieinhalb Stunden vor uns aufbrechen bleiben wir noch liegen. Irgendwann schälen wir uns auch aus den Decken, mampfen einen Müsliriegel und schlürfen ein bisschen Tee, bevor wir in die Nacht aufbrechen. Da wir die ersten 150 Höhenmeter bereits am Vortag erkundet haben fällt uns die Orientierung im Dunkel leicht, wir kommen gut voran. Natürlich wieder mit zeitraubenden aber notwendigen Fotostops.

Als die Dämmerung einsetzt klettern wir schon im ersten Felsriegel auf den Südgipfel. Vor uns bauen sich hinter einem kleinen Sattel mit einem schmalen Firngrat die spitzen Gipfelfelsen der Bionassay auf.

 Die Gipfelfelsen

 Auf dem Südgipfel

 Zum Routenverlauf in den Felsen gibt es widersprüchliche Angaben, und so folgen wir unserem Gespür und bleiben hart an der Gratkante. Hier ist die Kletterei zwar etwas anspruchsvoller, aber der Fels ist fest und weitestgehend frei von Schotter und losen Blöcken. Die Schwierigkeit reicht trotzdem nie über den vierten Grad hinaus. An der Schlüsselstelle, ein überhängender Kamin auf einen Gratkopf, holen wir das Seil aus dem Rucksack und sichern über diese Stelle hinweg. Danach geht es leichter über Bänder auf der Ostseite zur firnigen Gipfelkalotte.


 Die ersten Sonnenstrahlen treffen die Gipfel der Grajischen Alpen. Wir sind durch den Mont Blanc noch von der Sonne abgeschirmt

Erst jetzt, bei der Kletterei in Gipfelnähe treffen die ersten Sonnenstrahlen auf die Gipfel ringsum. Und wieder kann ich mich kaum sattfotografieren. Ja, ich weiß, ich wiederhole mich mit diesem Punkt...

Spektakuläre, aber wenig schwierige Kletterei 

 Auf dem Firn der Gipfelkalotte treffen auch uns die ersten Sonnenstrahlen, und kurze Zeit später schon haben wir die wenigen Schritte hinter uns gebracht.

 Der Horizont weitet sich. Rechts die Domes de Miage, die wir am Vortag überschritten haben


 Obwohl wir auf einem Viertausender sitzen und 3000 Meter tief ins weit unter uns liegende Avretal hinabschauen können, müssen wir doch auf der anderen Seite den Kopf in den Nacken legen. Immerhin überragt uns der Mont Blanc noch um fast 800 Höhenmeter. Und siehe da, die Tschechen sind uns gerade mal eine Stunde vorraus. Wie schnell sich doch der Vorsprung verkleinert hat. Dennoch, wir halten an unserem Plan fest und belassen bei bei diesem Gipfel.


Nach dem Gipfelbier an der Aiguille de Bionassay folgen über 3000 Höhenmeter Abstieg ins Tal. Während in der unteren Hälfte wanderpfade durch harmlose Almwiesen warten, müssen wir im oberen Teil genauso konzentriert bleiben wie im Aufstieg: Der Abstieg folgt hier der Aufstiegsroute und führt wieder über ausgesetzte Firngrate, durch schwierige Kletterstellen und brüchigen Fels. Hier muss jeder Fußtritt sitzen. Wir hetzen uns nicht, dennoch sind wir bereits gute vier Stunden nach Aufbruch wieder an der Hütte. Wir haben die Hüttenwirtin am Vortag gefragt, wie lange man zur Aiguille du Bionassay braucht. Für den Aufstieg wären vier bis fünf Stunden zu veranschlagen, für den Abstieg allerdings nur drei. Dementsprechend ungläubig schaut sie jetzt von uns zum Gipfel und wieder zu uns. Wir fragen, wie lange man zu den Chalets du Miage braucht. Das ist das vorletzte Etappenziel, bevor man nach nochmals vierhundert Höhenmetern das Tal erreicht. Sie sagt nur "Normaly people Need five hous. Maby you are... faster."

Wir hätten jetzt ja theoretisch die Zeitreserven für einen langsamen gemütlichen Abstieg, doch nach den ersten tausend Höhenmetern, das schwierige Gelände liegt größtenteils hinter uns, sind wir schon wieder dabei, die Zeitangaben auf den Wegweisern zu halbieren. Zweieinhalb Stunden nach Aufbruch an der Hütte bestellen wir an den Chalets du Miage drei Bier...

Schließlich bringen wir auch die letzten Vierhundert Höhenmeter hinter uns. Im Tal angekommen beschließen wir aus Wetter- und Termingründen die Heimreise.
Chamonix, ich komme wieder!







Mittwoch, 29. Juli 2015

Hitzewelle? Kein Problem! - Die Nordwand der Hinteren Schwärze

Anfang Juli. Ganz Deutschland ächzt unter einer außergewöhnlichen Hitzewelle. In Kitzingen werden mit über 40°C die wärmsten Messwerte seit langen verzeichnet. Und wie immer schimpft jeder über das Wetter. Zu kalt, zu nass, zu neblig, zu grau, zu trocken und diesmal eben zu heiß.
Aber man muss ja nicht immer über das Wetter schimpfen, das bringt eh nichts außer allgemeine schlechte Stimmung. Vielmehr muss man beste draus machen, also bei Hitze eine Abkühlung suchen.

Wir haben an diesem heißesten aller Wochenenden eine solche gefunden. Und zwar im hintersten Ötztal, in der Nordwand der Hinteren Schwärze. Normalerweise ist das Klettern in einer Nordwand geprägt von dicken Jacken, Kälte und tauben Fingern. Wir erhoffen uns stattdessen angenehme Temperaturen, also fahren wir Samstag früh nach Vent, dem Ausgangspunkt für diese Tour.
Der erste Teil des Zustiegs besteht aus dem langen Talhatscher durchs Niedertal zur Martin-Busch-Hütte. Bis hierhin führt ein breiter Schotterweg hinauf, deshalb wollen wir bis zur Hütte die Mountainbikes mitnehmen, fahrend und schiebend, um den langen Abstieg auf eine angenehme halbe Stunde zu verkürzen. Allerdings wollen wir auch nicht auf der Hütte übernachten, schließlich hat man bei einer Hüttenübernachtung "nur den halben Berg". Man bringt sich damit um das Erlebnis einer Übernachtung im Hochgebirge, außerdem bleibt mit einem leichten Hüttenrucksack immer der Beigeschmack, den Berg nicht aus eigener Kraft bezwungen zu haben.

Im Umkehrschluss ächzen wir dafür aber natürlich beim Zustieg unter großen schweren Rucksäcken. Wir sind trotz des gut fahrbaren Weges kaum schneller als Andere zu Fuß, dafür fallen wir mit den Mit Seil, Eisgeräten und Isomatten behängten Rucksäcken umso mehr auf. An der Hütte angekommen schließen wir die Fahrräder zusammen und machen uns zu Fuß auf den Weg zum Marzellferner. Die Warnhinweise "Achtung Bergsturzgefahr! Weg gesperrt" ignorieren wir genauso beflissen wie alle Aspiranten der Hinteren Schwärze in den vergangenen Jahren. ach einer dreiviertel Stunde dann öffnet sich endlich der Blick zur Zunge des Marzellferners, die traurig tief unter den Moränen liegt. Darüber thront immer noch majestätisch der Similaun, allerdings mit seiner mittlerweile traurig braunen statt weißen Nordwand. Klimawandel lässt grüßen.


Wir folgen dem Pfad ein Stück weiter, bis er uns auf das Eis führt. Wir überqueren noch zwei Mittelmoränen und bauen dann auf einem ebenen Plätzchen unser Zelt auf, zur Verankerung im Blankeis müssen die Eisschrauben herhalten. Wenigstens zeigt hier jetzt die Hitze der letzten Tage ihre freundliche Seite, wir müssen nicht Schnee schmelzen, sondern können uns ganz entspannt an einem der vielen oberflächlichen Schmelzwasserbäche bedienen. Obwohl die Sonne bereits hinter dem Marzellkamm verschwunden ist frieren wir nicht, wir sitzen entspannt mit dünnen Klamotten vor dem Zelt und lauschen dem Surren des Benzinkochers, während über dem Schalfkogel ein abendliches Wärmegewitter tobt. Nachdem wir noch kurz unsere nun deutlich leichteren Rucksäcke gepackt haben - das meiste bleibt morgen im Zelt - legen wir uns Schlafen, immerhin habe ich den Wecker auf halb fünf gestellt.
Nach einer kurzen Nacht reisst uns der Wecker "schonend" mit Metallica aus dem Schlaf. Draußen liegt bereits ein erster Saum der Dämmerung über dem Horizont, während ich einen ganzen Liter Kaffee koche. Ein halber Liter wandert in die Thermoskanne für später, den Rest trinken wir gleich. Derart gestärkt rennen wir nun den Gletscher empor, den Gletscherbruch lassen wir auf der rechten Seite liegen. Laut AV-Karten und Tourenbeschreibung umgeht man ihn zwar eigentlich auf der anderen Seite, doch wieder zeigt sich hier der Klimawandel. So geht es mittlerweile auf dem linken Gletscherrand entspannt und Spaltenfrei nach oben. Nach einer Kuppe taucht endlich unser Ziel auf, doch die Nordwand zeigt sich zur Hälfte mit Blankeis. Wir entscheiden, dem schwach ausgeprägten Sporn in der Wandmitte zu folgen, hier reicht der Trittfirn offenbar recht weit nach oben.



Nachdem schließlich auch der letzte Teil des Zustiegs hinter uns liegt pausieren wir kurz am Wandfuß. Eisäxte zücken, Zähne fletschen und natürlich die Thermoskanne mit Kaffee leeren. Die untere Wandhälfte mit mäßiger Steigung um 50° und Trittfirn gehen wir seilfrei, sichern wäre hier nur unnötige Zeitverschwendung. Allerdings habe ich mir unter weiser Vorraussicht schon das Seil um die Schulter gelegt, die Schrauben baumeln bereits ohne Schutzkappe am Gurt.






Denn nach etwa zweihundert Metern stoßen die Frontalzacken der Steigeisen auf hartes Blankeis. Auch steilt die Wand jetzt deutlich auf, die Steigung beträgt etwa 60°. Also nehme ich das Seil von den Schultern, wir binden uns ein. nachdem wir einige Zeit am laufenden Seil geklettert sind hinterlasse ich zwei Eisschrauben als Standplatzsicherung und tanze vorsichtig auf den Spitzen der Frontalzacken nach oben. Wir haben nur fünf Eisschrauben dabei, das bedeutet ich kann in einer Seillänge auf 60 Meter nur eine Zwischensicherung legen. Egal, Stürzen ist ja eh tabu in den Bergen, also ignorie ich das Seil vollkommen. Das Eis ist hart, aber kein bisschen spröde. Das Einschlagen der Eisgeräte ins Eis erfolgt jedes mal mit einem herrlich dumpfen tacken. Nachdem ich einige Felsen umkurvt habe baue ich in einem steilen Couloir wieder einen Stand und sichere nach. Was für eine Entspannung für die Waden.



Doch gleich darauf muss ich wieder vorsteigen, ich habe den besseren Trainingszustand und die schärferen Eisgeräte. Na gut, macht ja auch Spaß. Nach zwei weiteren 30-Meter-Runouts lehnt sich die Wand zurück, sie ist wieder Firnbedeckt. Nachdem ich einen gefühlten Kubikmeter Schnee nach unten gewühlt habe kann ich einen letzten Stand bauen. Die Schrauben gleicheeinfach mit dem Seil aus, denn Sichern ist jetzt eh nicht mehr nötig. Vom Gipfel trennen uns noch circa 80 Höhenmeter, doch auch die haben wir schnell hinter uns gebracht. Als kleines Finale wartet noch der brüchige, ausgesetzte Gipfelgrat auf uns, dann können wir uns am Gipfelkreuz die Hände schütteln.








Nachdem wir das Gipfelpanorama ausgekostet haben machen wir uns auf den Rückweg über den Normalweg. Im mittlerweile aufgeweichten Sulz des Gletschers geht es zügig zum Zelt hinab. Nachdem wir das Zelt abgebaut haben und alles in den nun wieder schweren Rucksäcken verstaut haben folgt noch der üble Gegenanstieg über den Marzellkamm, bevor wir an der Hütte auf unsere Räder steigen und der Hitze im Tal entgegenrollen.

Donnerstag, 18. Juni 2015

Giganten aus der Urzeit


 Hinter dem kleinen Steinmann auf einem Felsen im Gletscherbach recken sich die höchsten Gipfel der Ostalpen, die Berge der Bernina, in den Abendhimmel. Im Bild zu sehen sind die drei Bellavistaspitzen (links), der Piz Argient, der Crast' Agüzza und natürlich der Piz Bernina, der höchste Berg der Ostalpen. Von seinem Gipfel zieht nach rechts der Biancograt herunter, eine nicht anspruchslose aber landschaftlich extrem eindrucksvolle Tour, die oft als schönster Firngrat der Alpen betitelt wird.

Seit ich diese Himmelsleiter vor zwei Jahren selbst erklettert habe spukt mir dieses Bild im Kopf herum. Ich wollte die Größe und Mächtigkeit der Gipfel und Gletscher duch diese Ansicht aus dem Morteratschtal zeigen, immerhin sind es hier auf sehr kurze Distanz bereits knapp 2100 Höhenmeter bis zum Piz Bernina.
Schon damals hoffte ich, während des Abstieges ein solches Bild zu fotografieren, doch Zeitdruck und Lichtsituation waren gegen mich. Diesmal hatte ich ausreichend Zeit, denn ich war allein und hatte mein Zelt nur hundert Meter entfernt auf der anderen Seite des Flusses aufgebaut. Als Abends dann die letzten Sonnenstrahlen hinter den Gipfeln verschwanden und die Blaue Stunde begann, war ich eifrig am fotografieren. Sandbänke, Steinblöcke und Wasser musste als Vordergrund dienen, doch kein Motiv entsprach wirklich meinen Vorstellungen.
Am anderen Flussufer fiel mir immer wieder diese Ansammlung von großen Felsbrocken auf, die durch einen Bergsturz in das türkiesfarbene Wasser gerutscht waren. Bald dämmerte es mir, das das wohl die perfekte Location war, doch ich konne nirgens eine Möglichkeit finden den Fluss zu überqueren. Also Schuhe und Socken raus, Hose hochkrempeln und ab durchs eiskalte Gletscherwasser. Die Strömung hielt sichh in Grenzen, doch das Wasser reichte mir weit über die Knie. Zeit zum frieren hatte ich nicht denn hastig stürzte ich mich auf der anderen Seite auf die Motive. Ich wurde nicht enttäuscht, der Vordergrund war perfekt. Trotzdem fehlte noch etwas.

Die Pioniere der alpinen Landschaftsfotografie, Ansel Adams und Brad Washburn, waren sich nicht so richtig einig über die ideale Bildgestaltung: Während Ansel Adams jedes Zeichen von Menschen oder Personen auf Bildern strikt ablehnte war Washburn der Meineung, man könne nur die Größe von Bergen und Landschaften zeigen, indem man Menschen mit in die Komposition einbezog. Normalerweise bin ich auch der Meinung, dass erst die Relation von kleinem Mensch und großen Berg die wahren Dimensionen der Gebirge zeigen können, doch hier war ich allein, hatte also kein Model. Natürlich hätte ich mich mit dem Selbstauslöser behelfen können, doch irgendwie war ich angesichts der Stimmung zu ehrfürchtig, um die Komposition durch eine Person zu stören. Ich fand, hier würde ein Mensch nur die Aufmerksamkeit von den Bergen weglenken, und das kam mir regelrecht frevelhaft vor. Vielmehr hatte ich den Plan, statt einer Person eine versteinerte Person, ein Steinmännchen ins Bild zu setzen. Auf diese Weise bleibt im Bild nur Natur übrig, und trotzdem zeigt die menschliche Form der drei Steine die Dimensionen der eisigen Gipfel.
Nach ein paar waghalsigen Sprüngen über wackelige Felsbrocken im Eiswasser stand der Steinmann an seinem Platz und ich war gerade rechtzeitig wieder hinter der Kamera, um das letzte Nachglühen des Sonnenuntergangs an den Gletschergipfeln einzufangen.
Ich war zufrieden. Das Licht war noch eine gute dreiviertel Stunde lang schön zum fotografieren, doch ich schaltete die Kamera aus und machte mich auf den Rückweg zum Zelt. Ich wusste, ich würde an diesem Abend sowieso kein besseres Bild mehr machen.
Und nach dem eiskalten Rückweg durch den Fluss wartete immerhin ein schöner warmer Schlafsack...





Die anderen Bilder aus der Bernina will ich euch natürlich auch nicht vorenthalten:







Freitag, 15. Mai 2015

Winterimpressionen

Irgendwie bin ich zwar den ganzen Winter über zum Fotografieren gekommen, aber nie zum bearbeiten und schreiben. Ich stehe wohl einfach lieber draußen hinter dem Stativ als dass ich daheim vor dem Computer sitze. Nichtsdestotrotz sind in der kalten Jahreszeit einige Bilder entstanden, die zu schade sind um sie auf der Festplatte verstauben zu lassen. Ich fasse mich kurz mit dem Text und lasse daher leiber die Bilder sprechen:



Skitouren-Saisonstartan der Rudolfshütte in den Hohen Tauen. Aus Schneemangel in den Voralpen mussten wir uns für das traditionelle Skiwochenende der Bergwacht Oberbach kurzerhand höhere Ziele setzten - im wahrsten Sinne des Wortes.

 Saisoneröffnung an der Rudolfshütte in den Hohen Tauern. Die Seilbahn machts möglich, trotz mieserabler Schneelage im Dezember.

 Das Ziel im Blick: Hinter den Schneebedeckten Gletscherrücken taucht bereits der Hohe Sonnblick (3088m) auf.

 Langsam weitet sich auch der Blick in die andere Richtung zum - laut AV-Gebietsführer - "schönsten Dreitausender der Ostalpen", dem Wiesbachhorn. Davor die Klockerin und der Bratschenkopf.

 Zwei Skitourengeher vor den düsteren Nordwänden von Eiskögele und Hoher Kasten, eine kalte und eisige Spielwiese für extreme Alpinisten.

 Mit zunehmender Höhe wirkt das Wiesbachhorn immer dominanter, vielleicht ist die Titulierung im AV-Füher doch gar nicht so hoch gegriffen?

 Durch die Gletscherschmelze wurde die Gipfelflanke des Hohen Sonnblicks immer schwieriger. Wo man noch vor ein paar Jahren gemütlich mit Ski aufsteigen konnte, muss man heute durch steile verschneite Felsen kraxeln. 

Am Gipfel reicht der Blick dann zum Kögig der Hohen Tauern, dem Großglockner. Obwohl der Blick auch in alle anderen Richtungen beeindruckend ist, werden wir von böigen Wind schnell wieder vom Gipfel vertrieben.




Schließlich bringt der Januar doch noch Powder in die Nordalpen, was natürlich auch ausgiebig genutzt wird.

 Je steiler der Aufstieg, desto besser die Abfahrt. Am Bschießer im Allgäu.

 Der Gipfel wartet allerdings mit einer eher düsteren Föhnstimmung.

 Was tun, wenn man bei bestem Powder in Unterjoch im Allgäu sitzt, aber die tagesfüllende Bergwachtausbildung schon um acht Uhr beginnt? Richtig, man steht um halb fünf auf, marschiert im Dunkeln los und ist am Gipfel, wenn es gerade so hell genug ist für Schwünge im perfekten Pulverschnee. Und rechtzeitig zum Frühstück ist man dann auch noch zurück...

Das Thanellerkar bei Reutte bietet Dolomitenfeelig mit hohen Felswänden und engen Rinnen. Die Abfahrt duch ideale Hänge und "Pillows" begeistert auch bei Nebel.




Zur Osterzeit verschlug es mich nochmal nach Vent im hintersten Ötztal. Ich war allein, und der Wetterbericht war zweifelhaft. Entweder sollte es am nächsten Tag etwas bewölkter und kälter werden, oder ein großer Orkan würde über Europa ziehen. Nunja, eine große Spanne für einen Wetterbericht. Ich entschließe mich für eine Tour durchs Mitterkar und durch die Nordwand des Hinteren Brochkogels, mit geplanten Biwak im hinteren Teil des Mitterkars. Sollte das Wetter gut sein, könnte ich relativ schnell den Gipfel erreichen und zur Mittagszeit wieder im Tal sein, würde das Wetter entgegen meiner Hoffnung eine Begehung vereiteln könnte ich vom Biwak aus ohne Orientierungsprobleme oder Lawinenhänge  ins Tal abfahren.
Noch ist das Wetter perfekt und so stapfe ich mit schwerem Rucksack bei Windstille unter tiefblauen Himmel ins Mitterkar hinein. Ich finde einen schönen Biwakplatz mit aufgeschichteten Mauen als Windschutz mache es mir bequem. Der Sonnenuntergang besticht mit klarer Sicht und rot glühenden Wolken, wunderschön zum Fotografien, aber auch ein Vorbote für schlechtes Wetter...




Nachts wache ich bereits mehrmals auf, weil der auffrischende Wind schneekristalle in jede noch so kleine Öffnung des Biwaksacks hineinrieseln lässt. Trotz arktischer Bedingungen schlafe ich ansonsten recht ungestört. Zum Glück habe ich einen murmeltierartigen Schlaf, selbst beim biwakieren unter gruseligen Umständen brauche ich - auch diesmal- einen Wecker...
Am nächsten Morgen hat sich das Wetter endgültig für "Orkan" statt "bewölkt" entschieden. Insgeheim ist eine Seite in mir froh, schlechtes Wetter bedeutet schließlich länger schlafen (Und ich weiß, das ich nicht der einzigen Bergsteiger bin dem das so geht ;-) ).

Der Wind weht mit 70-90km/h, aufrecht stehen ist kaum möglich, an die Tour ist nicht zu denken. So mache ich noch einige Fotos, immerhin ist schlechtes Bergwetter fast immer gleichbedeutend mit gutem Fotowetter und trete dann den Rückzug an.


Immerhin werde ich mit diesem Bild des Schalfkogels entschädigt. Der Orkan treibt dunkle Wolkenfetzten über die Täler, während die Sonne zum letzten Mal noch für mystische Beleuchtung in den Wolkenlücken sorgt. Bei diesem Bild muss ich sofort an Tolkiens Mittelerde denken. Ob er sich Mordor, die Nebelberge oder den Caradhraspass vielleicht genau so vorgestellt hat?