Dienstag, 29. September 2015

Weißseespitze Nordwand Solobegehung

Ende September. Das Wetter in den Alpen ist gut, ein Hochdruckgebiet hat sich festgesetzt und beschert jeden Tag blauen Himmel und Windstille. Klar, da muss ich eine Tour machen! So kurzentschlossen hat wieder mal keiner meiner Tourenpartner Zeit, also packe ich Eisgeräte und Zustiegsski ein und fahre allein ins Kaunertal. Nachdem ich die unzähligen Kehren der Kaunertaler Gletscherstraße hinter mich gebracht habe stehe ich auf 2700 Meter Höhe auf dem großen Parkplatz des Gletscherskigebiets.


Ich steige noch kurz auf einen kleinen Felsgipfel hinter dem Parkplatz, von dem aus ich einen hervorragenden Blick über das Tal habe. Und natürlich kann ich von hier aus auch mein Objekt der Begierde, die Nordwand der Weißseespitze, ausführlich studieren. Mit 3518 Metern ist sie der höchste Gipfel in der näheren Umgebung, wie eine eisige Trutzburg steht sie hoch über dem Parkplatz und den Liften.
Leider hat ihre Nordwand durch den Klimawandel so einiges an Substanz verloren. Vor wenigen Jahren noch galt das Eisschild als ideale Tour für Einsteiger, umso erschrockener bin ich jetzt beim Anblick des steilen, felsdurchsetzten Schutthaufens. Ohne erheblichen Felskontakt wird hier kein Durchkommen sein, auch braucht man eine ausgeklügelte Routenführung und entsprechendes Orientierungsvermögen beim Klettern. Na gut, ich hab ja nie gesagt dass ich es leicht haben möchte.
Nachdem ich zum Auto abgestiegen bin und mir noch Nudeln gekocht habe mache ich es mir auf dem Beifahrersitz bequem und schlafe auch bald zum Surren der Schneekanonen ein...


 Am Vorabend studiere ich gemütlich von einem Felskopf aus das morgige Tourenziel

 Detailfoto der Nordwand. In Schleifen steige ich über Bänder und Felsstufen durch die Wand

Am nächsten Morgen reißt mich der Wecker lange vor Sonnenaufgang aus dem Schlaf. Am Horizont zeigt sich ein zarter schmaler Streifen Farbe, doch die Weißseespitze steht noch als schwarzer düsterer Klotz hoch über mir. Das schwierigste am Solobergsteigen ist das Aufbrechen. Mühsam quäle ich mich aus der Geborgenheit des Schlafsacks und steige in die kalten Bergschuhe. Kurz darauf laufe ich schon mit noch steifen Schritten über die Skipiste Richtung Wandfuß.
Mithilfe der Zustiegsski komme ich schnell voran, und schon nach einer halben Stunde überquere ich den ersten Bergschrund der Wand. Hier ist das Gelände noch nicht wirklich steil, und so zirkele ich in Spitzkehren über das untere Eisfeld. Beim zweiten Bergschrund am Übergang zum zweiten Eisfeld wird es zu steil, ich schnalle die kleinen Ski an den Rucksack und die Steigeisen an die Schuhe. Das zweite Eisfeld steilt von 45° am Anfang bis 50° am Ende auf, eigentlich nicht schwierig, doch unter einer dünnen Neuschneeschicht liegt hartes Gletschereis. Nach kurzer Zeit schon brennen mir die Waden, ich muss regelmäßig auf den Seitenzacken stehend Pause machen.
Doch auch das qualvolle zweite Eisfeld liegt irgendwann hinter mir und ich stehe am dritten und obersten Bergschrund. Hier beginnt das felsdurchsetzte schwierige Gelände. Zweifel plagen mich. Wie wird der Schnee sein? Wie fest ist der Fels? Kann ich eine Route durch das steile Labyrinth finden? Noch kann ich, wenn auch umständlich, umdrehen und absteigen. Bin ich erstmal im Felssteil, wird das schwierig.
Irgendwann gebe ich mir einen Ruck und klettere energisch über den Bergschrund. Ich muss hier einige Meter 70° steiles Eis überwinden, dann stehe ich entspannt am Fuß einer Schneerampe, die mich nach oben führt. Die ganze Wand ist tief mit Pulverschneeüberzogen, der das Vorankommen mühsam macht. Guter Trittfirn? Fehlanzeige. Dafür kann man sich im Pulverschnee wenigstens jederzeit problemlos ausruhen. Ich folge der Rampe so lange wie möglich, dann muss ich einige Steilstufen über brüchigen verschneiten Fels klettern. Vorsichtig die Spitzen der Eisgeräte in den stabilsten Rissen verklemmen, Steigeisen auf festgefrorene Kieselsteine stellen und Hochsteigen. So mogel ich mich Schritt für Schritt durch das heikle M3-Gelände. Nach zwei kurzen Schneebändern und weiteren Felsstufen stehe ich auf einem großen Band, auf dem ich die gesamte Wand queren muss. Der Schnee liegt hüfttief, doch ich komme gut voran. Jedes Zeitgefühl ist vergessen, ich werde eins mit der Bewegung. Irgendwann liegen auch die letzten Felsen hinter mir und ich muss nur noch auf dem Gipfeleisfeld über ein paar wadensprengende Blankeisstellen hechten, dann sehe ich die Sonne. Was für eine Wohltat! Die Wand legt sich zum weitläufigen Gipfelplateau zurück, dahinter tauchen Bernina, Ortler, Weißkugel und Dolomiten auf. Ich gehe noch zum Gipfelkreuz hinüber und gönne mir bei herrlichen Kaiserwetter eine ausgedehnte Gipfelrast.
Irgendwann mache ich mich an den Abstieg, der über den langen Westgrat führt und nochmals einige Kletterstellen sowie Gegenanstiege bereithält. Der Grat endet an der Bergstation der Skilifte. Hier nehme ich die Zustiegsski vom Rucksack, gespannt, wie die Abfahrt auf 135cm langen Kinderski und in Bergschuhen wird. Es ist mein erster Versuch mit diesem Setup, und so sehr ich beim Aufstieg begeistert war, so stark zweifel ich jetzt über die Abfahrtsperformance. Zurecht, nach einem Meter liege ich auf der Nase. In Bergschuhen kann man keinen Druck aufs Schienbein bringen, man kann den Ski lediglich über den Fußballen und vorsichtige Belastungsänderungen steuern. Ich falle noch ein paar mal hin, doch dann habe ich den Bogen raus: In schönen Kurzschwüngen wedele ich die noch geschlossene Skipiste hinunter, einen Jauchzer nach dem anderen ausstoßend. 

Gipfelaussicht zur Weißkugel hinüber. Auf diesem Gipfel stand ich ein halbes Jahr vorher mit Tourenski

Am nächsten Tag trage und schiebe ich noch mein Mountainbike tausend Höhenmeter in die hochalpine Riffelscharte hinauf. Auf dieser Tour erlebe ich nochmal einen schönen Sonnenaufgang über dem Kaunertal. Die Abfahrt dagegen ist weniger der Bringer. Die Leitfrage beim Bikebergsteigen "Alles fast fahrbar oder fast alles fahrbar" fällt hier leider stark Richtung "Alles fast fahrbar" aus...



Sonnenaufgang über dem Eispalast der Weißseespitze

Panorama von der Riffelscharte. Rechts im Bild sind Weißseespitze und Weißkugel zu sehen

"Fast alles fahrbar oder alles fast fahrbar?"


Anmerkung: Die Nordwand der Weißseespitze ist keine Anfängertour mehr! Wer hier einsteigt sollte eine gute Portion alpine Erfahrung mitbringen und sich im brüchigen Fels wohlfühlen. Auch reichen die Schwierigkeiten durch das Abschmelzen der unteren Gletscherstufe mittlerweile über eine Höhendifferenz von fast 500 Höhenmetern, sodass zusätzlich auch mehr Kondition gefragt ist als früher. Werden Schwierigkeiten gewachsen ist sollte die Wand baldmöglichst machen. Die Verhältnisse werden so schnell nicht besser, im Gegenteil, der Klimawandel wird uns nur noch mehr schöne Nordwände nehmen...

Dienstag, 1. September 2015

Bernina-Odyssee

Schweizer Berghütten sind ja bekanntlich recht teuer. Seilbahnen auch. Schüler und Studenten dagegen eher arm. So hatten Jan und ich recht schnell den Plan geschmiedet, einige Hochtouren in der Bernina „by fair means“ anzugehen. Das heißt, wir wollen vier Tage durch diese Gebirgsgruppe laufen und klettern, ohne auf eben jene teuren Hilfsmittel wie Hütten und Seilbahnen zurückzugreifen; also alle Höhenmeter aus eigener Kraft zurücklegen und dabei alles schleppen, was wir so brauchen.
Entsprechend schwer sind unsere Rucksäcke, als wir nach einer langen Autofahrt in der brütenden Hitze an der Talstation der Diavolezzaseilbahn loslaufen. Unser erstes und wichtigstes Ziel ist der berüchtigte Bumillerpfeiler am Piz Palü; das ist der mittlere und der schwierigste der drei charakteristischen Nordwandpfeiler dieses Berges. Für die anspruchsvolle Kletterei brauchen wir zusätzliche Sicherungsmittel, für den Fall des Falles sind auch zwei Trittleitern und Skyhooks dabei. Was die monströsen Rucksäcke noch schwerer macht.
Beim fast tausend Höhenmeter langen Zustieg zum geplanten Biwakplatz teilen wir weite Strecken des Weges mit den Gästen des Diavolezza-Berghotels – mit ihren kleinen leichten Hüttenrucksäcken. Dummerweise lassen wir uns so dazu verleiten, unsere „Konkurrenz“ zu überholen und kommen so viel zu schnell und viel zu erschöpft an der Furcola Trovat an, wo wir biwakieren wollen. Biwakplätze gibt es hier ja zuhauf, luxuriös mit gemauerten Wänden und fantastischer Aussicht – Nur leider hat sich der Cambrenagletscher mittlerweile so weit zurückgezogen, dass das Eis und damit auch die so wichtigen Schmelzwasserflüsse siebzig Meter tiefer liegen. Wir sind uns einig, zwei drei mal zum Wasser holen die bröseligen Moränenhänge hinunter- und wieder heraufkraxeln, darauf haben wir keine Lust. Also laufen, stolpern, und rutschen wir über den steilen Schotter hinunter und mauern uns auf dem schuttbedeckten Gletscherrand selber einen Biwakplatz. Ein bisschen kälter, weniger Aussicht, aber dafür fließend Wasser...

Piz Palü (links) und Piz Bernina

Durch die Schmelzwasserflüsse haben wir sogar fliessend Wasser am Biwakplatz...

Immerhin, auch von hier aus sieht man unser ursprüngliches Ziel, den mächtigen Bumillerpfeiler. Allerdings sehen wir auch den vielen frischen Neuschnee, der den steilen Fels eingekleistert hat. Unter diesen Voraussetzungen sind wir dann doch einsichtig und disponieren kurzerhand um auf den ebenso schönen, aber etwas leichteren Östlichen Nordwandpfeiler. Eine offenbar glückliche Entscheidung, wie wir am nächsten Abend sehen sollten.

Die Nacht ist kurz und ein bisschen kühl, zumindest für mich, denn ich habe nur einen leichten Sommerschlafsack dabei. Der wärmt etwa so gut wie ein nasses T-shirt, während Jan neben mir im warmen Daunenschlafsack schon längst friedlich schlummert.

Naja, wir sind ja zum Bergsteigen hergekommen, und nicht zum schlafen. Ich bin dementsprechend wenig traurig, als am Morgen endlich der Wecker klingelt. Gähnen, Kaffee kochen, Müsliriegel reinstopfen und los geht’s. Die Karawane der vielen Hüttengäste kommt auch gerade auf dem Gletscher eingetrudelt, also hetzten wir uns gleich zu Beginn schon wieder viel zu sehr ab. Immerhin wollen wir im engen Cambrenaeisbruch nicht Schlange stehen. Mit 190er Puls ziehen wir an einer Seilschaft nach der anderen vorbei und sind so schon kurz nach dem Eisbruch im vorderen Bereich. Allerdings bin ich auch schon völlig fertig; ich spüre die Höhe und den zu schnellen Aufstieg, obwohl wir gerade mal an der Abzweigung zur eigentlichen Tour sind...

Über der Randkluft wartet steile und griffarme Plattenkletterei

Traumhafter Granit am Grat. Direkt über Jans Kopf ist schon klein der Felsturm zu sehen, der die Schlüsselstelle markiert

An der Randkluft stehen wir schon vor dem ersten Hindernis, wir stehen vor einer glatten, senkrechten Granitplatte, griffarm, sandbedeckt und kaum abzusichern.Vor ein paar Jahren konnte man wohl noch auf dem Gletscher direkt auf das darüber gelegene Felsband steigen. Angesichts meines Zustandes lasse ich Jan vorsteigen, der die steile Platte mühelos meistert. Da habe ich selbst im Nachstieg noch mehr zu kämpfen. Auf dem Felsband darüber, Jan steigt bereits am langen Seil weiter, sehe ich unter einem Felsblock ein ausgeblichenes Stück Bandschlinge hervorschauen. Es entpuppt sich als uralter Friend, der wettergegerbt, voller Kratzspuren und arg verbogen ist. Was er wohl für eine Geschichte erzählen könnte? Ist das einfach ein Fixer Friend, den Steinschlag so zugerichtet hat? Oder wurde er durch einen Sturz aus der Wand gerissen? Womöglich mitsamt dem Kletterer? Schnell klippe ich das Fundstück hinten an den Rucksack und folge dem energischen Seilzug nach oben.
An der Gratkante hat Jan Stand gebaut, vor uns tummeln sich einige Seilschaften. Überholen wird kaum klappen, also lassen wir es („endlich“) auch ein bisschen gemütlicher angehen und Klettern ebenfalls von Stand zu Stand. Jan fühlt sich wohl etwas ausgebremst, doch mir kommt diese Erholung gerade recht.
Über wunderbare Kletterstellen im besten Granit geht es wie auf einer Himmelsleiter immer höher. Nie wirklich schwer, aber auch nur wenig Gehgelände. Bergsteigen aus einer anderen Welt.
Kurzes leichtes Gehgelände über dem Labyrinth des Cambrena-Eisbruchs...

Immer wieder sorgen kurze steile Aufschwünge für Abwechslung

Irgendwann kommen wir zur steilen Schlüsselstelle, einem hohen, überhängenden Gratturm aus fantastischen rotgoldenem Toastbrotfels mit einer griffarmen Granitplatte. Ohne Risse für Friends oder Keile, die einzige Sicherung ist ein uralter, wackelnder 1-mm-Messerhaken, an dem eine fransige Trittschlinge baumelt. Meine innere Schwierigkeitsmessung pendelt (angesichts meines Zustands) irgendwo zwischen „What the fuck?!“ und „Holy shit!“. Zum Glück sieht Jan das anders und steigt wieder vor. In der Tourenbeschreibung stand ja auch nur etwas von IV-...
Doch auch Jan als starker Sportkletterer muss nach einem kurzen wackeligen Freikletterversuch beherzt in die Schlinge greifen und treten, akustisch untermalt von Ausdrücken der Verwunderung. Im Nachstieg hänge ich zwei mal im Seil. Wir bewerten die Stelle mit mindestens VI/VI+.

Das aussichtsreiche Finale hoch über dem Persgletscher


Danach geht es allerdings wieder entspannter weiter, nach einigen langen Seillängen voller interessanter Kletterstellen verschwinden die Felsen unter der scharfen Schneide des firnigen Gipfelgrates. Die Gipfelwächte scheint zum Greifen nah, doch uns trennen immer noch gut einhundert Höhenmeter vom Ausstieg. Mich hat die Höhe mittlerweile wieder voll im Griff, mehr als fünf Schritte am Stück sind nicht drin. Ich lasse Jan vorgehen, und wenig später können wir uns dann am Gipfel die Hände schütteln. Und Brotzeit machen und Bier trinken.
Der schmale Firngrat am Beginn des Abstiegs

Aussichtsreicher Balanceakt
Da der Plan für die nächsten zwei Tage noch nicht feststeht warten wir nicht allzu lange mit dem Abstieg und rennen zügig über die weichen Hänge nach unten. So sind wir schon wenig später wieder am Biwakplatz und können uns beratschlagen. Jan möchte gerne den Biancograt am Piz Bernina machen, sicher DIE Tour schlechthin in der Gegend. Allerdings würde das bedeuten, dass wir heute noch ins Morteratschtal absteigen müssen, morgen dann eine 1500-Höhenmeter-Verbindungsetappe vor uns haben und danach noch die nicht leichte Tour mit ihrem langen, komplizierten Abstieg. Ich habe die Tour schon zwei Jahre zuvor gemacht, außerdem bin ich völlig platt und habe wenig Lust auf einen Abstieg über den Persgletscher Richtung Bowalhütte. Viel lieber würde ich hier bleiben, morgen gemütlich die Eisnase am Piz Cambrena klettern und damit dann abschließen. Insgeheim hoffe ich also auf einen schlechten Wetterbericht, aber nein, der Blich aufs Smartphone zeigt Kaiserwetter für morgen und eine aufziehende Kaltfront übermorgen Abend, wenn wir schon im Tal sind. Also gut, Rucksack aufsetzen und den Cambrenagletscher zum Persgletscher und weiter zum Morteratschgletscher absteigen.
Unzählige Gletscherspalten und Schotterhänge später sitzen wir endlich auf einem Grasbuckel in der Nähe der Bowalhütte. Jetzt, nach Abendessen und Sonnenuntergang können wir sehen, dass wir mit dem Verzicht auf den Bumillerpfeiler richtig entschieden haben: Ein Helikopter fliegt auf der anderen Talseite gerade eine Seilschaft aus der Route. Sie sind kaum bis zur Hälfte der Kletterei gekommen.


Nach der erholsamen Nacht folgt die lange und anstrengende Verbindungsetappe hinauf in die Furcola Bowal, der Abstieg ins Val Roseg zur Tschiervahütte und schließlich wieder der mühsame Aufstieg zur Furcola Prievlusa auf fast 3500 Meter Höhe.
Pompöser Sonnenaufgang über dem Festsaal der Alpen



Beim Abstieg ins Val Roseg bieten sich eindrucksvolle Blicke in die pralle Nordwand des Piz Roseg



Wir kommen zügig voran und sind schon kurz nach Mittag an diesem schönen Biwakplatz, sodass wir noch ein bisschen Sonne tanken und nasse Klamotten trocknen können. Die Nacht wird wieder kälter, ich zittere mich im dünnen Schlafsack immer wieder aus dem Schlaf. Am Morgen empfangen uns Wind und Nebelfetzen, die immer wieder über die Scharte geweht werden. Im Westen zeichnet sich am Horizont unter dem Mondlicht ein Wolkenband ab. Ist die angekündigte Kaltfront zu früh dran? Wann ist der Sturm hier? Naja, ich kenne ja die Route, also sollten wir mit ein bisschen Nebel ja kein Problem kriegen. Glaube ich zumindest...

Am Beginn des Firngrates

Zwei Stunden später stehen wir nach unzähligen Verhauern und Sackgassen endlich am Beginn des Firngrates. Meine Moral ist völlig im Eimer, die Höhenkrankheit ist auch zurück. Noch aber ist die Luft klar, und uns bietet sich das spektakuläre Schauspiel eines fantastischen Sonnenaufgangs über dem Engadin.

Ein farbenfroher Sonnenaufgang ohne Wolken verheißt meistens schlechtes Wetter - die rötliche Färbung kommt von der erhöhten Luftfeuchtigkeit


Am Grat weht mittlerweile starker böiger Sturmwind, was den leichten Firngrat zu einem hochalpinen Eiertanz macht. Nicht wenige Bergsteiger sind schon von ähnlichen Graten in den Tod geweht worden.
Wenige Minuten bevor der Sturm uns verschluckt bietet sich noch einmal ein schöner Tiefblick

Das Wolkenband wabert jetzt schon über den Malojapass, und wenig später sind auch wir verschluckt. Die Sonne verschwindet hinter diffusen Weiß, Raureif überzieht unsere Klamotten und Gesichter. Na Super. Immerhin schneit es nicht, und so kommen wir einigermaßen zufrieden am Gipfel an. Ohne Handschlag geht es hier weiter, wir beeilen uns den ausgesetzten Abstieg zur Marco e Rosa Hütte schnell hinter uns zu bringen. Nach einigen schwindelerregenden Balanceakten und mehrmaligen Abseilen kommen wir an der Hütte vorbei, doch eine Pause gönnen wir uns immer noch nicht. Zu groß die Angst, dass wir auf den weiten Gletscherflächen zur Bellavistaterasse die Orientierung verlieren könnten. Wir kommen bald in einen Geschwindigkeitsrausch, alle Energiereserven werden mobilisiert. Über die Gletscherzunge des Morteratschgletschers und das Val Morteratsch hinaus rennen wir regelrecht. Und tatsächlich, gleichzeitig mit dem ersten Regentropfen kommen wir am Bahnhof an.


Wir haben nicht einmal zehn Stunden gebraucht für die Tour, für die ich zwei Jahre zuvor noch sechzehn Stunden brauchte...

Montag, 17. August 2015

Chamonix, Hauptstadt des Bergsteigens

Chamonix, Mont Blanc, Mer de Glace, Grand Jorasses, Aiguille Verte, Droites, Courtes... Unzählige klingende Namen, unzählige historische Meilensteine und noch viel mehr Routen jeder Art. Von der "Erfindung des Alpinismus", der Erstbesteigung des Mont Blanc über die Tragödien und Triumphe der Jorasses und des Freneypfeilers bis hin zu modernen Plaisirrouten. Von berühmten leichten Einsteigertouren wie dem Bossesgrat bis hin zur schwierigsten Route der Alpen, der Voie Lafaille. Es gäbe noch unzählige Dinge aufzuzählen, die Chamonix so einzigartig machen, dass jeder Alpinist von der Hauptstadt des Bergsteigens träumt, oder, wie es ein namhafter Outdoorartikelhersteller in einer Werbekampagne nannte, dem "ultimate playground for everything awsome".

Natürlich wusste ich auch schon lange, dass ich unbedingt da hin muss. Als sich dann spontan die Möglichkeit bot, mit Andi und Lukas eineinhalb Wochen zum Mont Blanc Massiv zu fahren war ich Feuer und Flamme, mit meinen Tourenwünschen allerdings hätte ich zwanzig Wochen füllen können...

Die Eindrücke aus dem Paradies möchte ich hier als Fotostory ein bisschen nacherzählen:

Nach der langen Fahrt von Bad Kissingen nach Chamonix packen wir unsere Sachen und fahren mit der berühmten Seilbahn auf die Aiguille du Midi, der "Eintrittskarte" zum Herzen des Mont Blanc Massivs. Oben angekommen wartete schon ein Schneesturm auf uns, der nur ein paar Meter Sicht zuließ. Das macht die Sache natürlich nicht einfacher, mit zwei schweren Rucksäcken pro Person den schmalen und ausgesetzten Midi-Plan-Grat zur Hochebene des Col du Midi abzusteigen. Dort graben wir zum Schutz vor dem Sturm ein möglicht tiefes Loch für das Zelt und liegen dann auch ziemlich schnell erschöpft auf den Isomatten...

Doch jetzt zeigt sich, dass es sich durchaus gelohnt hat, so viel Gewicht in die Rucksäcke zu packen: Wir schlagen uns die Bäuche voll mit Wurst, Käse, Steaks und sogar einem Baguette, dass seinen Platz vorher in der Skihalterung eines Rucksacks fand.

Natürlich haben wir auch eine ansehnliche Zündbatterie aus Hülsengeschossen dabei, die wir immerhin optimal kühlen können. Der erste Nachmittag und Abend ist so recht schnell vorbei...

 Am Morgen darauf hat sich der Sturm verzogen. Kristallklar liegt die kalte Morgenluft über der Schneelandschaft, kein Wölkchen trübt den Himmel ein, genauso wenig ist auch nur ein Hauch von Wind zu spüren. Zum ersten Mal kann ich die großartige Landschaft sehen, die uns umgibt: Wie versteinerte Haifischzähne ragen die Jorasses und der Dent  du Geant in die Dämmerung. Erhaben, wie echt gewordene Bilder aus dem Himalaya trohnen die Tres Monts über den Dingen. Wir haben heute nur eine kleine Eingehtour über den klassischen Arete des Cosmiques vor, deshalb bleiben Andi und Lukas auch noch liegen, während ich mich noch vor Sonnenaufgang aus dem Schlafsack schäle und zur Abbruchkante des Col du Midi hinüber laufe, um Fotos zu machen. Der Blick ins fast 3000 Meter tiefer gelegene Avretal ist atemberaubend.

Als sich die Sonne dem Horizont nähert, bieten auch die Gran Jorasses ein lohnendes Motiv

Wir sind nicht die einzigen Bergsteiger in der Gegend, und bei Sonnenaufgang stapft eine Seilschaft bereits Richtung Taculflanke über die Gletscherebene. Ungeachtet der doch recht erheblichen Neuschneemengen, die zusammen mit Windverfrachtung an diesem Tag zahlreiche Lawinenabgänge erwarten lassen. Wir sind erstmal vorsichtig und machen uns nach einem Frühstück erstmal an den Cosmiquesgrat, der sichere und spaßige Kletterei verspricht.


 An der ersten Abseilstelle

Nach ein paar Mal auf und ab erreichen wir den bekannten Gratturm aus besten goldenen Granit, und natürlich muss auch ich mich an diesem Fotoklassiker austoben. Danach wechselt die Route in die schattige und eisige Nordseite, was nochmals für Abwechslung sorgt und neue Fotomotive bereithält.

Lukas vor den Gletschern des Mont Blanc. Die Szenerie ist so mächtig, dass ich ein vertikales Panorama aus fünf Einzelbildern zusammensetzen muss, um alles auf ein Bild zu bekommen!

Bald schon entkommen wir der kalten Nordwand wieder und genießen die Aussicht von der Gipfelterasse der Aiguille du Midi, bevor wir wieder den Midi-Plan-Grat absteigen. Diesmal, ohne Wolken, zehrt die Ausgesetztheit noch mehr an der Psyche als gestern im Schneesturm...

Am Nachmittag steigen Lukas und ich noch in die Rebuffalt-Route am Midi-Südpfeiler ein, zum auskundschaften. Nach drei Seillängen mit allerbester Kletterei im besten Fels, den ich je berührt habe drehen wir um und seilen zum Wandfuß ab, es ist schon zu spät.

Am nächten Tag haben wir uns notgedrungen auf die Tres Monts Route zum Mont Blanc geeinigt. Ich wäre lieber in die Chere-Eisrinne am Triangle du Tacul eingestiegen, doch ich wurde überstimmt. Wenig überzeugt stiefel ich den beiden also am nächsten Tag um drei Uhr Richtung Taculflanke hinterher. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, den Monarchen bei meinem ersten Mal nicht über eine der vier Normalrouten zu besteigen, da ich wenig Lust hatte mich in eine Karawane schlecht vorbereiteter "Bergsteiger" einzureihen und tausende Höhenmeter im Schnee emporzustapfen.
Und jetzt bestätigt sich mein Vorurteil: Circa Hundert Leute sind bereits jetzt auf der Autobahn unterwegs, viele davon leiden bereits hier, 1400 Meter unter dem Gipfel an Höhenkrankheit und werden von ihren Kameraden und Bergführern regelrecht mitgeschleift.
Immerhin können wir so eine Seilschaft nach der anderen überholen und sind nach dem kurzen Abstieg in den Col du Tacul die zweite Seilschaft - Es ist immer noch schwärzeste Nacht. Doch nun baut sich über uns die Flanke des Mont Maudit auf. Technisch nicht schwierig, dennoch haben in zahlreichen Lawinen hier schon viel zu viele Bergsteiger ihr Leben gelassen. Der Name des Berges bedeutet "Verfluchter Berg".
Ich führe gerade unsere Seilschaft. Unter dem Bergschrund eigen aber schon ein paar schnelle Tests, hier geht es heute nicht weiter. Schneidet man einen Schneeblock mit dem Pickelstiel auch nur vorsichtig an, schon rutscht er ab. Die Seilschaft vor uns enscheidet sich hier genau wie wir zur Umkehr.

Immerhin erreichen wir so noch vor Sonnenaufgang die Gipfelfelsen des Mont Blanc du Tacul, den wir immerhin noch mitnehmen wollen. Wie auf einer Aussichtskanzel stehen wir über dem Herzen des Mont Blanc Massivs, als sich der Horizont langsam rötlich färbt. Ich komme vor lauter Motiven mit dem Fotografieren kaum hinterher.

 Die walliser Viertausender in der Morgendämmerung

Es ist immer noch bitterkalt, doch obwohl ich bei der Bedienung der Kamera schon lange das Gefühl in allen Fingern verloren habe macht mir das jetzt und hier kaum etwas aus. Ich bin viel zu sehr im Fotorausch, ja, ich vergesse sogar regelmäßig zu atmen - was man in 4200 Meter Höhe allerdings machen sollte...

 Andi und Lukas haben weniger Glück, sie frieren und zittern als wir die letzten Meter zum Gipfel klettern. Alle warten wir so gespannt und sehnsüchtig auf die erlösenden Sonnenstrahlen, die nach einer Unendlichkeit die etwas höheren Gipfeln von Mont Blanc und Mont Maudit in fast schon kitschiges Rosa tauchen.

 Wenn man in den Alpen hoch oben auf den Felsen und Gletschern eines 4000ers einen Sonnenaufgang miterlebt, dann ist das kein langsames Schauspiel. Man hat kaum Zeit zu beobachten, wie sich die Sonne über den Horizont schiebt. Die ersten, glutroten Strahlen schießen fast explosionsartig aus dem Nichts; innerhalb von Sekundenbruchteilen verwandelt sich die kalte, unwirkliche Dämmerung in blendendes, aber endlich wärmendes Rampenlicht. Besser kann ein Bergtag nicht beginnen.



 Auf dem Gipfel wird es nun endlich wärmer, und so genießen wir die Aussicht

 Weißhorn, Zinalrothorn, Lenzspitze, Dom und Dent Blanche

 Gand Combin, Rimpfischhorn und Matterhorn


Monte Rosa 

Fiescherhorn, Grünhorn, Bietschhorn und Aletschhorn

Ich bin froh, das Teleobjektiv mitgeschleppt zu haben, und so fotografiere ich in alle Richtungen die vielen berühmten Berggestalten.

Wir sind bereits um zehn Uhr morgens wieder am Zelt und verbringen den Tag damit, der Hitze zu entkommen. Ja, auch auf 3600 Meter höhe, auf einem Gletscher, im Schnee wird es tagsüber sehr warm. Die Sonne reflektiert auf dem goldenen Granit und dem frischen Schnee und heizt das Gletscherbecken auf wie einen Backofen. Und so spielen wir bald mit dem Gedanken, uns eine Glescherspalte zu suchen und uns dort hineinzulegen, denn selbst in Unterhose im Schatten des Zeltes ist es kaum auszuhalten.

 Am Nachmittag fangen wir wieder an, uns auf vier(!) Kochern gleichzeitig einen Gaumenschmauß von Abendessen zu kreiren. Zwiebeln werden in Bier angedünstet, Nudeln, Gulasch und Rouladen wandern in die Töpfe, sodass wohl allen Bersteigern auf dem Geantgletscher das Wasser im Mund zusammengelaufen sein muss. Okay, war vielleicht auch ein bisschen gemein, immerhin konnten wir ja sehen dass ringsum alle anderen nur still ihr Tütenfutter kauten...

Unser Zeltplatz mit den Tres Monts am letzten Abend 


 Am nächsten Morgen wollten wir eigentlich die Rebuffalt-Route komplett klettern, doch eine Schlechtwetterfront macht uns einen Strich durch die Rechnung. Also packen wir gleich unsere Sachen zusammen und machen uns daran, die schweren Rucksäcke zurück zur Seilbahnstation zu schleppen.

Die Aiguille Verte und die Drus sorgen mit den Sturmwolken für eine Mordor-Stimmung 


Wieder in Chamonix angekommen gehen wir einkaufen und suchen uns einen Campingplatz für die Nacht. Dort grillen wir noch gemütlich, immerhin darf bei uns das Kulinarische ja nicht zu kurz kommen...
Für unsere restliche Zeit planen wir die ersten drei Etappen der Traversee Royale, also die Überschreitung der Domes du Miage und die Besteigung der Aiguille du Bionassay. Der erste Stützpunkt dafür ist das Refuge Conscrits, also rufen wir vormittags an, um Schlafplätze zu reservieren. "Seid ihr etwa noch nicht losgelaufen?!" fragt die erstaunte Hüttenwirtin am Telefon "Normalerweise braucht man sechs bis sieben Stunden zur Hütte!". Wir sitzen leicht verunsichert in Chamonix. Zum Ausgangspunkt der Tour müssen wir noch eine gute dreiviertel Stunde Autofahren, außerdem sind unsere Rucksäcke noch nicht gepackt und unser Zelt steht immer noch auf dem Campingplatz.
  
 Beim Zustieg zur Conscritshütte


 Zwei Stunden später laufen wir am Ausgangspunkt los. Der Wegweiser gibt sieben Stunden an, oha. Immerhin sind durch die Hüttenübernachtungen unsere Rucksäcke klein und leicht, als wir uns auf den Weg machen. Ein Baguette, das wieder in der Skihalterung außen an meinem Rucksack hängt ist bald auch wieder leichter beziehungsweise kürzer. Wir laufen nicht wirklich schnell, aber wir trödeln eben auch nicht, und so melden wir uns etwa dreieinhalb Stunden später bei der verdutzen Hüttenwirtin.

 Auf der Hüttenterrasse genießen wir die Aussicht über das ruhige Tal des Tre la Tete Gletschers. Später zeigen sich ein paar neugierige Steinböcke, die mich mit der Kamera bis auf ein paar Meter heranlassen.

Beim Abendessen bekommen wir große Schüsseln voller Köstlichkeiten auf die Gemeinschaftstische gestellt, sodass rundum bald alle satt sind. Doch ich kann sowieso immer essen wie ein Schwarzes Loch, dazu kommt, dass ich bei der nächsten Hütte aus Kostengründen statt der Halbpension nur eine Übernachtung gebucht habe. Also hole ich mir von den Nachbartischen die Schüsseln und fülle meinen Teller ein ums andere Mal nach. Gegenüber von uns saß eine englische Familie, die das Treiben irritiert beobachtete. Irgendwann fragte die Tochter ihren Vater, offenbar in dem Glauben dass ich des Englischen nicht mächtig wäre "Those are Germans, aren't they?!", woraufhin der Vater nur nickte...

Am Morgen lassen wir uns Zeit. Wir stehen erst auf, als das Gewusel im Matratzenlager vorbei ist, und frühstücken in aller Ruhe. Anschließend spazieren wir gemütlich unter dem Mondlicht Richtung Tre la Tete Gletscher, den wir nach zahlreichen Fotostops ("Nicht bewegen! Ich mach ein Foto! Muss aber 30 Sekunden belichten... ... Mist, nochmal!") erst nach eineinhalb Stunden und endlos weit hinter den ersten Bergsteigern erreichen.


 Am Rand des Eises legen wir gemütlich Steigeisen an und machen das Seil zurecht, als Andi plötzlich fragt: "Hab ich euch eigentlich schon gesagt, dass ich als erster am Gipfel sein will?" Haben wir uns schon gedacht. Und so kommen wir nach etwas mehr als einer Stunde leicht außer Atem am Col du Dome an, knapp unter dem Hauptgipfel. Die nächste Seilschaft liegt gute zehn Minuten zurück...
Mit Puls am Anschlag und einem guten 800hm/h-Schnitt geht's über den Gletscher...

 Am Hauptgipfel trennen sich aber ohnehin unsere Wege. Anders als die anderen Seilschaften, die nach dem Gipfel wieder zur Conscritshütte zurückkehren, traversieren wir über den leichten, aber brüchigen Felsgrat hinüber zum Nordgipfel. Nach Norden brechen die Domes du Miage über ihre hohe Nordwand 900 Meter tief ab, was beim Klettern für spektakuläre Tiefblicke sorgt.

 Hoch über der Nordwand

 Trotz kürzerer kleiner Aufschwünge wird die Kletterei nie wirklich schwer



Am Norgipfel angekommen machen wir erstmal Pause. Alles andere wäre ein regelrechter Sakrileg, immerhin handelt es sich bei diesem Felskopf um einen der schönsten Aussichtspunkte der Alpen. Weitab von Seilbahnen oder Menschenmassen, hoch oben über den Tälern und dem schuttbedeckten Glacier du Miage, der wie aus dem Karakorum gestolen tausend Meter unter uns liegt. Dennoch ragt der Mont Blanc mit seiner wilden, von Hängegletschern gezierten Miageflanke noch weit über tausend Meter über unseren Köpfen. Dieser Gipfel ist ein Ort, an dem man tagelang Zelten könnte ohne sich satt zu sehen. Satt werden wir dafür in anderer Hinsicht, denn während der vierdienten Pause holen wir Brot, Wurst und Bier aus den Rucksäcken.


Leider können wir uns nicht allzu viel Zeit nehmen, die anhaltende Hitze sorgt für eine erhöhte Steinschlaggefahr. Gerade am Verbindungsgrat von Domes du Miage und Aiguille du Bionassay ein ernst zu nehmendes Problem, immerhin lässt sich die Felsqualität am ehesten mit einem trockenen Sandkucken vergleichen...

 Hoch über dem Miagegletscher, bei der Querung zu den Felsen


 Am Nordgrat, im Sandkuchenfels

Viele der Tonnenschweren Felsklötze auf dem Grat hätte man mit dem kleinen Finger in den Abgrund schieben können...

An der "Hütte", eigentlich mehr eine bemannte Biwakschachtel, treffen wir zwei Tschechen, Speedbergsteiger, die am nächsten Tag wie wir auf die Aiguille du Bionassay möchten, dann aber gleich weiter zum Gipfel des Mont Blanc und hinunter nach Chamonix. Wir hören beeindruckt ihren Geschichten über Speedbergsteigen und Sponsoring zu. Beim Abendessen begnüge ich mich mit einer Tafel Schokolade und einem Stück Ringsalami. Das wars dann mit dem kulinrischen Anspruch. Immerhin habe ich mir so das Geld für die Halbpension gespart...  

 Als die Tschechen zweieinhalb Stunden vor uns aufbrechen bleiben wir noch liegen. Irgendwann schälen wir uns auch aus den Decken, mampfen einen Müsliriegel und schlürfen ein bisschen Tee, bevor wir in die Nacht aufbrechen. Da wir die ersten 150 Höhenmeter bereits am Vortag erkundet haben fällt uns die Orientierung im Dunkel leicht, wir kommen gut voran. Natürlich wieder mit zeitraubenden aber notwendigen Fotostops.

Als die Dämmerung einsetzt klettern wir schon im ersten Felsriegel auf den Südgipfel. Vor uns bauen sich hinter einem kleinen Sattel mit einem schmalen Firngrat die spitzen Gipfelfelsen der Bionassay auf.

 Die Gipfelfelsen

 Auf dem Südgipfel

 Zum Routenverlauf in den Felsen gibt es widersprüchliche Angaben, und so folgen wir unserem Gespür und bleiben hart an der Gratkante. Hier ist die Kletterei zwar etwas anspruchsvoller, aber der Fels ist fest und weitestgehend frei von Schotter und losen Blöcken. Die Schwierigkeit reicht trotzdem nie über den vierten Grad hinaus. An der Schlüsselstelle, ein überhängender Kamin auf einen Gratkopf, holen wir das Seil aus dem Rucksack und sichern über diese Stelle hinweg. Danach geht es leichter über Bänder auf der Ostseite zur firnigen Gipfelkalotte.


 Die ersten Sonnenstrahlen treffen die Gipfel der Grajischen Alpen. Wir sind durch den Mont Blanc noch von der Sonne abgeschirmt

Erst jetzt, bei der Kletterei in Gipfelnähe treffen die ersten Sonnenstrahlen auf die Gipfel ringsum. Und wieder kann ich mich kaum sattfotografieren. Ja, ich weiß, ich wiederhole mich mit diesem Punkt...

Spektakuläre, aber wenig schwierige Kletterei 

 Auf dem Firn der Gipfelkalotte treffen auch uns die ersten Sonnenstrahlen, und kurze Zeit später schon haben wir die wenigen Schritte hinter uns gebracht.

 Der Horizont weitet sich. Rechts die Domes de Miage, die wir am Vortag überschritten haben


 Obwohl wir auf einem Viertausender sitzen und 3000 Meter tief ins weit unter uns liegende Avretal hinabschauen können, müssen wir doch auf der anderen Seite den Kopf in den Nacken legen. Immerhin überragt uns der Mont Blanc noch um fast 800 Höhenmeter. Und siehe da, die Tschechen sind uns gerade mal eine Stunde vorraus. Wie schnell sich doch der Vorsprung verkleinert hat. Dennoch, wir halten an unserem Plan fest und belassen bei bei diesem Gipfel.


Nach dem Gipfelbier an der Aiguille de Bionassay folgen über 3000 Höhenmeter Abstieg ins Tal. Während in der unteren Hälfte wanderpfade durch harmlose Almwiesen warten, müssen wir im oberen Teil genauso konzentriert bleiben wie im Aufstieg: Der Abstieg folgt hier der Aufstiegsroute und führt wieder über ausgesetzte Firngrate, durch schwierige Kletterstellen und brüchigen Fels. Hier muss jeder Fußtritt sitzen. Wir hetzen uns nicht, dennoch sind wir bereits gute vier Stunden nach Aufbruch wieder an der Hütte. Wir haben die Hüttenwirtin am Vortag gefragt, wie lange man zur Aiguille du Bionassay braucht. Für den Aufstieg wären vier bis fünf Stunden zu veranschlagen, für den Abstieg allerdings nur drei. Dementsprechend ungläubig schaut sie jetzt von uns zum Gipfel und wieder zu uns. Wir fragen, wie lange man zu den Chalets du Miage braucht. Das ist das vorletzte Etappenziel, bevor man nach nochmals vierhundert Höhenmetern das Tal erreicht. Sie sagt nur "Normaly people Need five hous. Maby you are... faster."

Wir hätten jetzt ja theoretisch die Zeitreserven für einen langsamen gemütlichen Abstieg, doch nach den ersten tausend Höhenmetern, das schwierige Gelände liegt größtenteils hinter uns, sind wir schon wieder dabei, die Zeitangaben auf den Wegweisern zu halbieren. Zweieinhalb Stunden nach Aufbruch an der Hütte bestellen wir an den Chalets du Miage drei Bier...

Schließlich bringen wir auch die letzten Vierhundert Höhenmeter hinter uns. Im Tal angekommen beschließen wir aus Wetter- und Termingründen die Heimreise.
Chamonix, ich komme wieder!