Donnerstag, 18. Juni 2015

Giganten aus der Urzeit


 Hinter dem kleinen Steinmann auf einem Felsen im Gletscherbach recken sich die höchsten Gipfel der Ostalpen, die Berge der Bernina, in den Abendhimmel. Im Bild zu sehen sind die drei Bellavistaspitzen (links), der Piz Argient, der Crast' Agüzza und natürlich der Piz Bernina, der höchste Berg der Ostalpen. Von seinem Gipfel zieht nach rechts der Biancograt herunter, eine nicht anspruchslose aber landschaftlich extrem eindrucksvolle Tour, die oft als schönster Firngrat der Alpen betitelt wird.

Seit ich diese Himmelsleiter vor zwei Jahren selbst erklettert habe spukt mir dieses Bild im Kopf herum. Ich wollte die Größe und Mächtigkeit der Gipfel und Gletscher duch diese Ansicht aus dem Morteratschtal zeigen, immerhin sind es hier auf sehr kurze Distanz bereits knapp 2100 Höhenmeter bis zum Piz Bernina.
Schon damals hoffte ich, während des Abstieges ein solches Bild zu fotografieren, doch Zeitdruck und Lichtsituation waren gegen mich. Diesmal hatte ich ausreichend Zeit, denn ich war allein und hatte mein Zelt nur hundert Meter entfernt auf der anderen Seite des Flusses aufgebaut. Als Abends dann die letzten Sonnenstrahlen hinter den Gipfeln verschwanden und die Blaue Stunde begann, war ich eifrig am fotografieren. Sandbänke, Steinblöcke und Wasser musste als Vordergrund dienen, doch kein Motiv entsprach wirklich meinen Vorstellungen.
Am anderen Flussufer fiel mir immer wieder diese Ansammlung von großen Felsbrocken auf, die durch einen Bergsturz in das türkiesfarbene Wasser gerutscht waren. Bald dämmerte es mir, das das wohl die perfekte Location war, doch ich konne nirgens eine Möglichkeit finden den Fluss zu überqueren. Also Schuhe und Socken raus, Hose hochkrempeln und ab durchs eiskalte Gletscherwasser. Die Strömung hielt sichh in Grenzen, doch das Wasser reichte mir weit über die Knie. Zeit zum frieren hatte ich nicht denn hastig stürzte ich mich auf der anderen Seite auf die Motive. Ich wurde nicht enttäuscht, der Vordergrund war perfekt. Trotzdem fehlte noch etwas.

Die Pioniere der alpinen Landschaftsfotografie, Ansel Adams und Brad Washburn, waren sich nicht so richtig einig über die ideale Bildgestaltung: Während Ansel Adams jedes Zeichen von Menschen oder Personen auf Bildern strikt ablehnte war Washburn der Meineung, man könne nur die Größe von Bergen und Landschaften zeigen, indem man Menschen mit in die Komposition einbezog. Normalerweise bin ich auch der Meinung, dass erst die Relation von kleinem Mensch und großen Berg die wahren Dimensionen der Gebirge zeigen können, doch hier war ich allein, hatte also kein Model. Natürlich hätte ich mich mit dem Selbstauslöser behelfen können, doch irgendwie war ich angesichts der Stimmung zu ehrfürchtig, um die Komposition durch eine Person zu stören. Ich fand, hier würde ein Mensch nur die Aufmerksamkeit von den Bergen weglenken, und das kam mir regelrecht frevelhaft vor. Vielmehr hatte ich den Plan, statt einer Person eine versteinerte Person, ein Steinmännchen ins Bild zu setzen. Auf diese Weise bleibt im Bild nur Natur übrig, und trotzdem zeigt die menschliche Form der drei Steine die Dimensionen der eisigen Gipfel.
Nach ein paar waghalsigen Sprüngen über wackelige Felsbrocken im Eiswasser stand der Steinmann an seinem Platz und ich war gerade rechtzeitig wieder hinter der Kamera, um das letzte Nachglühen des Sonnenuntergangs an den Gletschergipfeln einzufangen.
Ich war zufrieden. Das Licht war noch eine gute dreiviertel Stunde lang schön zum fotografieren, doch ich schaltete die Kamera aus und machte mich auf den Rückweg zum Zelt. Ich wusste, ich würde an diesem Abend sowieso kein besseres Bild mehr machen.
Und nach dem eiskalten Rückweg durch den Fluss wartete immerhin ein schöner warmer Schlafsack...





Die anderen Bilder aus der Bernina will ich euch natürlich auch nicht vorenthalten:







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